… war niemalen ein sondersam frölich kindt

Blasius von Manstedten

1669-1751

Die unglaubliche Geschichte von einem, den die Geschichte vergessen hatte

Gutsherr mit hochfliegenden Ambitionen, selbstberufener Poet, Dramatiker, Komponist, Linguist, Menschenfreund: Wenn es je eine barocke Erscheinung in der ursprünglichen Bedeutung des Attributes gegeben haben sollte, so müßte es dieser Mann gewesen sein …

… der da am Karfreitag des Jahres 1669 in einem lange rätselhaft gewesenen Flecken namens Eulroda inmitten des Thüringer Waldes geboren ward und ebendort nach einem erstaunlich schöpferischen Leben am 1 April 1751 im beachtlichen Alter von 82 Jahren verstarb. Daß er überhaupt aufgefunden, wenn nicht gar – um das Wort in seinem alten Sinne zu gebrauchen – regelrecht erfunden wurde, das ist einem jener sogenannten Zufälle zu danken, hinter denen man gern das Walten höherer Mächte annimmt, wofern man sich das Gefühl fürs Feinstoffliche und Wesentliche bewahrt hat:

Unser spezieller Fall begann an einem schönen Augusttag des Jahres 1991. Die Wende war erfolgt, und der erste Jahrestag des historischen Ereignisses, an dem wieder zusammengekommen war, was zusammengehört, stand unmittelbar bevor, als der niederrheinische Musikforscher, Autor und Poet EH zur Halde – das bin ich – sich anschickte, in der großen Bibliothek von W* nach einer barocken Rarität zu forschen, die ihm für seine Beschäftigung mit dem Universalgenie Johann Mattheson unerläßlich schien – nach dem Handexemplar des Ut Mi Sol, Re Fa La, Tota Musica et Harmonia Aeterna im ersten Andruck mit dem Fehler auf Seite 92 (»der Brant« anstatt »die Braut«), worin der Verfasser des Traktats, der Erfurter Organist und Prediger Johann Heinrich Buttstett, bekanntlich auf das Neu=Eröffnete Orchestre des fortschrittlichen Hamburgers losgegangen und dafür im nachfolgenden Beschützten Orchestre jämmerlich vermöbelt worden war.

Da man inzwischen also problemlos »rüber« konnte,  hatte ich mit W* telefoniert und den Kontakt zu dem dortigen Herrn der Bücher, einem gewissen Gabriel Pfauth, hergestellt. Der, anfangs ganz Arbeiter-Bauern-Stil, hegte noch einen gründlichen Argwohn gegen den »Klassenfeind«, merkte aber schnell, daß ich weder ihn noch sein Institut persönlich annektieren wollte und versprach, den gewünschten Band herauszulegen: »Falls Sie’s interessiert, packe ich Ihnen auch die Musicalische Kunst= und Vorraths=Kammer dazu!« – eine Offerte, die ich unmöglich hätte ausschlagen können. Ich kündigte mein Erscheinen für die kommende Woche an.

»Irgendwo hatte ich gelesen«, so erzählt EH zur Halde später, «daß das bewußte Handexemplar viele autographe Anmerkungen enthielte, die auf die tiefe persönliche Betroffenheit des braven Familienvaters und Streiters für die ›wahre Musik‹ sollten schließen lassen. Das war mir von höchstem Interesse und auf jeden Fall eine Reise in bis dahin unbekannte, halb verriegelte Regionen wert. Ein doppeltes Risiko war es freilich. Zwar hatten die in früheren Jahren an allen möglichen und unmöglichen Ecken auf westliche Strafgelder lauernden Wartburgs ihre einträglichen Posten verlassen, doch die Pisten, über die ich meinem Ziele zustrebte, waren noch weit von stoßdämpferfreundlichen Belägen entfernt – und dann konnte es natürlich noch sehr gut sein, daß sich der Hinweis, der mich in Gang gesetzt hatte, als eine Ente erwies und ich, wie man in dem Landstrich meiner damaligen Begehrlichkeiten sagt, mit einem ›Zappen‹ unverrichteter Dinge wieder in die untergehende Sonne hätte reiten dürfen.«

Es sollte indes ganz anders kommen.

Pünktlich am Bestimmungsorte eingetroffen, verfügte ich mich zunächst in meine vorübergehende Bleibe und von dort flugs in die heiligen Hallen, wo ich nach klassischer Manier telefonisch angekündigt wurde. Pfauth ließ nicht lange auf sich warten. Ein erfreulich kräftiger Händedruck, ein paar höfliche Floskeln, dann brachte er auch schon, wie er unverkennbar thüringisch gefärbt sprach, »die guten Stücke gebracht«: »’ch wer Ihnen nich saachen müss’n, daß Sie nich drinrumkritzeln dürfm«, meinte er – ja tatsächlich! – mit einem Anflug von Humor, der mich hoffen ließ. Er habe für mich ein stilles Plätzchen reserviert, wo ich in aller Ruhe »rumforschen« könne. Ich nahm dankbar an. Ich lasse mich nämlich immer so schnell ablenken, wenn jemand vorbeitrabt …

Der Entdeckte

Eines der wenigen Bildzeugnisse, die Blasius von Manstedten – »im blaun Ohrstuhl des lieben Vatters seelig« – für die Nachwelt festgehalten haben. Vermutlich handelt es sich um eine Skizze des künstlerisch nicht unbegabten Ortspfarrers von Chr*, den unser Protagonist zu seinen engsten Vertrauten zählte.

Die Entdeckung

So etwa sah der Buchbestand des Herrn Blasius von Manstedten aus, nachdem ihn EH zur Halde und Gabriel Pfauth aus den verschiedenen Kisten ausgepackt hatten, die ihnen von den heutigen Besitzern des Anwesens überlassen wurden. Die Fassungslosigkeit der beiden Entdecker erhellt aus der wahllosen Anordnung ihrer Fundsachen. (»Mir wußten erscht gar nich, was mir sagen sollten«, so G. Pfauth später.)

Die Entdecker

Szene aus dem Blauen Krug in V* (ca. 1992): Der niederrheinsche Forscher EH zur Halde (rechts) und der thüringische Bibliothekar Gabriel Pfauth (links) bei einem ihrer ersten »außerdienstlichen« Treffen. Die Zeichnung verdanken wir dem ortsansässigen Illustrator und Karikaturisten Georg Schwirrnitz, der am selben Abend die Gaststätte aufgesucht hatte und die günstige Gelegenheit zu einem geistreichen Schnaps-Schuß nutzte.

Sie reithen dahin mit Wüthen und Toben
Den HErrn derhalben wollen loben