Die Bibliothek von W*

Ort einer wundersamen Renaissance

Plötzlich war er da

»Zeigen Se mal her!« Gabriel Pfauth griff ein bißchen zerstreut nach dem Blatt alten Papieres, das ich ihm vor die Nase gehalten hatte: »Zeigen Se mal her!«

Lange Pause. Leises Schniefen. »Tja! – Nö!« Hielt das Papier gegens Licht: »Wasserzeichen? Eindeutig Thüringen, so 1720 – mal ganz schnell gesagt!« (Alle Achtung, nickte ich bewundernd). »Aber sonst? Nie gesehen. Wo, sagten Sie, haben Sie das her?«

»Da!« Ich streckte ihm den Band hin, auf den ich mich kaum eine Viertelstunde vorher gestürzt hatte. – »Und da wär das drin gewesen? Unmöglich. So oft, wie ich da drin geblättert hab!«

Pfauth warf mir einen entschuldigend vorwurfsvollen Blick zu, rückte seine Gläser zurecht und starrte regungslos auf die schnörkelige, durch die alte=schwarze Tinte tief ins braungelbe Bütten eingefressene Schrift. Murmelnd: »Kenn ich nich … WasDas da unten? ›25sten Octbris 1717‹? ›Blafi‹, quatsch, ›Blasius‹ – kann ich gar nicht, aber hier: ›seym ächten Freünd Joh. Henr. Budtstätten, rechtschaffenstem Bollwerck wider die Unnatur‹ – das ist ein Widmungsgedicht, irgendein Loblied … mal sehen, langsam gewöhn ich mich dran: ›Dem hamburgischen Flatterhafft – wo mit seyme Biechel …‹ DAS GIEBT’S DOCH NICH!«

Doch: Das gab’s! Das war, und heute erinnern wir uns beide immer wieder gern daran, nicht nur der Beginn einer wunderbar collegialischen Freundschaft. Es war auch und vor allem Die Entdeckung des Blasius von Manstedten.

Nachdem Pfauth mit sicherem Auge für die barocksten Schriftwindungen endlich die Zeilen entziffert hatte, stand für uns beide fest: Wenn es von dem Dichter dieser »Ode« auch nur zwei oder drei andere Sachen geben sollte, hätten wir auf Jahre hinaus genug an heiterem Lesestoff und könnten der Wende eine ganz unerwartete Wende geben. Keiner von uns konnte wissen, daß uns der scheinbar lächerliche Fund 5 x 7 Jahre der Freizeit kosten sollte. Sonst hätten wir an jenem ersten Nachmittag in W* die Sache womöglich auf sich beruhen lassen. Doch »forsch ist der Forscher in seinem Drang, ihn quält nur das Was, nicht das Wie lang?« improvisierte der Kollege, mit einem Male fröhlich geworden – ohne zu ahnen, daß er mit diesem lockeren Zauberspruch ein Faß ohne Boden geöffnet hatte. Bis heute ist ein Ende der Recherchen, Dechiffrierungen, Kompilationen und Reinschriften nicht abzusehen, denn: Blasius lebt.

Sie reithen dahin mit Wüthen und Toben
Den HErrn derhalben wollen loben