Ein außerordentliches Selbstbewußtsein und Selbstverständnis spricht aus der nachfolgenden Deklaration vom 12. Februar 1712, die sich bislang noch keiner konkreten Adressatin hat zuordnen lassen. »Der neue Dante« Blasius von Manstedten, mittlerweile 43 Jahre alt geworden, »weiß« um seine Sendung: Unerschütterlich und unermüdlich belehrt er, rüttelt er auf – ohne jedes Verständnis dafür, daß seine leidenschaftlich betriebene Mission insonderheit zarter besaiteten Gemütern gewisse Probleme bereitet …
Wir dürfen davon ausgehen, daß sich Blasius von Manstedten nach der Überwindung der Affaire Barbara Wülcken wieder in den gebildeten Kreisen seiner Umgebung umgetan hat – von der Identität der Auserwählten und ihrer Reaktion auf die sorgenvolle Höllenvision wissen wir nichts. Daß sie nach der Lektüre der Strophen rasch das Weite gesucht hat, ist anzunehmen.
Des neüen Danten nächtliche Schröcken
Heünt hätt mich ein übeler Traum gequälet:
Ich sah Euch / Geliebte / im Feuer gepfählet /
Gewendt und gebrathen allswie eine Sau /
Unnd gantz so wie diese auch schrieet Ihr
Gemartert / von Flammen umblecket / nach mir.
Der Erzengel faßete stark meyne Handt /
Geleitete mich hin an den Grubenrand /
Unnd sprach voll Bedeüten: Siehe diese Frau!
Sie war ob’n auff Erden nicht eyne der Frommen /
So hatt sie der Sathan bey sich auffgenommen.
Zwar außenhin that sie nach christlichem Brauche /
Doch war’s ihr nur Spiel. Hier hangt sie im Rauche
Geröstet / gepöckelt auff schweflichter Au.
Es endet ein jeder in hellichter Gluth /
Der anderes denket und anderes thut.
Das sagt‘ mir der Engel wie einstmahls Vergile /
Weiln ihm meyn standhaffter Glaube gefiele
Unnd ich in allem dem HErren vertrau.
Nachhero führt‘ er mich auf Schwingen hinfort
Von diesem Gestanck- unnd Entsetzensorth.
Am Leybe noch schlotternd wachet ich auff /
Stieg auß meym Bett angstvoll unnd faßete drauff /
Euch gleich zu verkündigen meine Schau /
Feder unnd Dinten unnd weißen Bogen.
Geschwind und behend seynd die Worte geflogen /
In tieffster Furcht um die sündige Seele /
Darmit man Euch nicht auff Ewig quäle:
Geliebte / ach! / folgt gantz genau
Den Worten in unßrer Heiligen Schrifft /
Versperret Euch hertzlich dem teufflichten Gifft.
Nach euren Thaten unnd eurem Dencken /
Sullt Ihr Euch fromm dem HErren schencken /
Seydt rein und keüsch / nicht schweiffend lau /
Entbrechet Euch dem loosen unnd gemeynen Sinnen /
Daß Ihr deß Himmels Freuden könnt gewinnen.
Ich bett für Euch auß vollem Hertzen /
Daß Ihr entfleucht der Hellen Schmertzen.
Betragt euch wol nach der Schrifft genau /
Verjaget den Sathan unnd seyn Consorten /
Unnd strebet auff nach beßern Orthen
Wo wir lobsingen und preißen den HErrn /
Unnd keiner himmlischen Freüden entbehrn /
Seelig entrücket aus dem irdischen Grau /
Von Engeln empfangen mit liebreichem Singen:
Allso solln wir ewiges Wolseyn erringen.
Den 12. Februaris 1712

